Wolfram Lotz
Ein philosophischer Krimi
Koproduktion von klagenfurter ensemble und Theater Kaendace
Premiere Klagenfurt: 21. April 2027 – 20h
Weitere Vorstellungen: 23., 24., 28., 29., 30. April & 1. 5., 6., 7., 8. Mai 2027, jeweils 20
Spielort: theaterHALLE11, Messeplatz 1 / 11, Klagenfurt
Kartenreservierung: 0463 310 300 / ke@klagenfurterensemble.at
Premiere Graz: 12. Mai 2027, 10 weitere Vorstellungen
Es ist der Tag des Jüngsten Gerichts.
Tag des Jüngsten Gerichts in der südwestdeutschen Provinz.
Autor des Stücks „Das Ende von Iflingen“ ist der Dramatiker Wolfram Lotz, der 1981 in Hamburg geboren wurde und im Schwarzwald aufgewachsen ist.
Erzengel Michael, hochmotivierter Befehlsempfänger ist ergeben bereit, alle Einwohner des Dörfchens Iflingen im Schwarzwald mit seinem Flammenschwert zu richten. So sieht es das, den göttlichen Plan beinhaltende Personenregister vor, das der mit dem Schwert bewaffnete Michael ständig mit sich herumträgt, während Hilfsengel Ludwig, zum Leidwesen des Erzengels, nur mit einer Posaune „bewaffnet“ ist.
Entnervt schreitet Erzengel Michael voran, den verzagten Posaunenengel im Schlepptau, um die göttliche Anweisung, die Einwohner Iflingens „zu Asche zu schlachten“, energisch in die Tat umzusetzen. Doch sie treffen keine Menschen, sondern einen arbeitswütigen Igel, einen sehnsuchtsvollen Mauersegler und ein masochistisches Schwein, die stellvertretend menschliche Verhaltensmuster verkörpern. Doktrinäre Vorgaben und ihre allzu willigen Verfechter werden mit Witz, Boshaftigkeit und Melancholie in Frage gestellt.
Aber die Menschen, die Menschen, die Menschen, wo sind die?
Der Ort erscheint absolut menschenleer und steht dem drastischen Vorhaben als praktische Undurchführbarkeit gegenüber.
Dadurch entsteht eine Leerstelle, die Platz bietet für Charakterzeichnungen der beiden Engel, die bei ihrer Durchsuchung des über nur eine Straße verfügenden Dorfs zwar keiner Menschenseele begegnen, dafür aber auf einige sprechende Tiere treffen.
Das erste Wesen, dem sie über den Weg laufen, ist ein Igel, der in einem Garten das Laub durchwühlt, und zwar aus einem tiefen Gefühl der Verpflichtung heraus. Als er vom Engel Ludwig gefragt wird, ob er nach Futter suche, empört er sich über die Unterstellung im Besonderen und die Hinterfragung seiner Tätigkeit im Allgemeinen. Um es mit den Worten des Igels festzuhalten: „Ich habe das Laub zu wühlen!“ Basta. Sinnentleerter Arbeitszwang wird aus der Menschenwelt auf die Ebene des tierischen Instinkts übertragen, könnte man hier hineininterpretieren, und als biologisch veranlagte Zwangshandlung persifliert.
Auch die anderen beiden sprechenden Tiere in der Geschichte verkörpern in diesem Sinn psychische Macken des Menschen.
Der Mauersegler, der beinahe sein gesamtes Leben im Flug verbringt, steht für eine gewisse Weltüberdrüssigkeit und beschwert sich über den Verwesungsgestank der Erde, die er nur als „das Ding da unten“ bezeichnet. Damit könnte er für die extraterrestrischen Siedlungsbestrebungen der Menschheit auf dem Mars und andernorts stehen.
Und dann ist da das Schwein, das um die eigene Schlachtung bittet, es sei doch voller guter Würste. Die eigene Verwertbarkeit nicht nur akzeptieren, sondern sie aktiv betreiben – auch das kennt man vom Homo sapiens.
Doch das arme Schwein hat keine Chance, seinen Wunsch erfüllt zu bekommen. Denn der Erzengel Michael will zwar nichts lieber, als endlich sein flammendes Schwert zum Einsatz zu bringen, aber eben nur, um die Iflinger Menschen zu richten und damit den göttlichen Plan zu erfüllen. Das passt auch zu den eindeutig misanthropischen Ansichten Michaels, der überdies am laufenden Band flucht.
Hilfsengel Ludwig hingegen ist ein zurückgenommener, barmherziger Zeitgenosse, der leichte Zweifel an der Rechtmäßigkeit der vollkommenen Auslöschung der Dorfbevölkerung anmeldet, sich damit aber kein Gehör verschaffen kann.
Denn das letzte Gebäude von Iflingen ist die Kirche am Ende der Dorfstraße. In dem Gotteshaus liegen die Iflinger – allesamt tot infolge eines vom Pfarrer angeleiteten Massensuizids mit vergiftetem Messwein, wie eine Abschiedsnotiz auf dem Altar offenbart. Dieser „Selbstmord aus Angst vor dem Tod‘ stellt die höchste Stufe der menschlichen Abkehr von rationalem Denken dar, auf die bereits vorher in den eingebetteten Fabeln angespielt wurde.
Die Menschen haben sich also bereits selbst gerichtet und sie sind nur noch in Spuren aufzufinden. Diese Spuren schlagen sich auch auf einer zweiten Ebene nieder. In Aufzählungen werden konkrete Alltagshinterlassenschaften wie benutztes Geschirr am Frühstückstisch, aber auch Sinneseindrücke wie Wetterbeobachtungen aneinandergereiht, immer an der Schnittstelle zwischen zwei Szenen. Ein melancholischer Abschiedsgruß an die Verschwundenen oder das Verschwundene.
Wolfram Lotz hatte den Text zu „Das Ende von Iflingen“ wie auch den zu seinem Hörspieldebüt „In Ewigkeit Ameisen“ bereits 2007 verfasst. Auf der Bühne uraufgeführt wurden die Stücke in Wien am Burgtheater zusammen unter dem Titel „In Ewigkeit Ameisen“, nachdem der Autor sie 2019 für das Theater freigegeben hat.
Die Mischung aus Witz, Boshaftigkeit und Melancholie, die der Text beinhaltet, werden in „Das Ende von Iflingen“ komplettierend in der Klangkulisse von Michael Merkusch und dem auf Imagination beruhenden Bühnenraum, der mit den Zuschauerrängen verschmilzt, verstärkt und geerdet.
Kurzum: Hier trifft man auf postapokalyptische, philosophisch – absurde Kunst, die thematisch auch in der diesjährigen Biennale in Venedig thematisch diskutiert und künstlerisch thematisiert wird.:
Der Mensch im Spannungsfeld zwischen Verschwendung von Ressourcen, perfiden überirdischen Hoffnungen und Verwesung,
Zur Klangkulisse von Michael Merkusch
Das Universum ist erfüllt vom Weißen Rauschen, der Summierung aller möglichen Frequenzen.
Ein Widerhall des Urknalls? Der Wink Gottes?
Ist es Zufall, dass sich dieses Rauschen in so vielen Naturgeräuschen wiederfindet: dem Wind, dem Regen, der Brandung, dem Rascheln der Blätter und uns beruhigend in Wohlbefinden versetzt.
Man sagt auch: das Weiße Rauschen, das sind alle Visionen aller Menschen, aller Zeiten in einem Augenblick.
„Wer das Weiße Rauschen sieht, hat den höchsten Punkt der Erleuchtung erreicht, oder wer das Weiße Rauschen sieht, wird sofort wahnsinnig, außer er ist es schon, dann wird er normal“.
Käme ein Engel auf die Erde, so wäre der ihn umgebende Klang sicherlich eine Essenz dieses Rauschens.
Der deutsche Dramatiker, Lyriker und Hörspielautor Wolfram Lotz, 1981 in Hamburg geboren, wurde 2015 mit seinem Drama „Die lächerliche Finsternis“ als Dramatiker des Jahres ausgezeichnet. Er gilt als Vertreter eines narrativen Texttheaters, das die Episierungstechnik Bert Brechts noch potenziert.
Seine Stücke entziehen sich einer wortwörtlichen Umsetzung, was uns dazu veranlasst, die Realisierung in einem abstrakten Raum und Tonkonzept (ausgehend vom weißen Rauschen) durchzuführen.
Regie, Ausstattung, Produktionsleitung: Alexander Mitterer
mit
Sissi Noé /Erzengel Michael
Sonja Kreibich/ Hilfsengel Ludwig
Nadine Zeintl/ Igel, Mauersegler, Schwein
Klanginstallation: Michael Merkusch
Rechte: S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main
