Clarisse und ihre Dämonen

Und die Schwester löste von dem Schläfer leise das Geschlecht und aß es auf.

Szenen aus dem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil
Uraufführung

Konzept und Textfassung Walter Fanta, Oliver Vollmann & Nadine Zeintl
Regie & Spiel Oliver Vollmann & Nadine Zeintl

Premiere: 5. Dezember 2018
weiters 8., 12., 13.
(im Anschluss Publikumsgespräch), 14. und 15. Dezember 2018
sowie 8., 9., 11. und 12. Jänner 2019

jeweils 20.00 Uhr

Haben Sie schon einmal bedacht, daß auch die Liebe eine Störung des Geistes ist?

 

©Jagoutz/Kalian/ke


Ein würdeloses Spiel von Teufeln mit einer Seele.

Der Mann ohne Eigenschaften gehört, neben Ulysses oder Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, zu jenen literarischen Werken von Weltruhm, denen das Etikett „unlesbar“ anhaftet. Und das liegt nicht nur an ihrem Umfang. Ob der Zufall, dass Robert Musil seine ersten Lebensstunden in Klagenfurt zubrachte, dafür verantwortlich ist, sei dahin gestellt – jedenfalls „verfügt“ Klagenfurt mit dem Germanisten Walter Fanta über einen akribischen Experten, (auch) was den literarischen Musil-Kosmos betrifft. Die darstellerische Wucht von Oliver Vollmann und Nadine Zeintl muss hier nicht explizit betont werden.
Wie auch immer – es ist eine glückliche Fügung, dass sich das Triumvirat Fanta/Vollmann/Zeintl zusammengefunden hat, um Clarisse, einer der weiblichen Hauptfiguren aus dem Mann ohne Eigenschaften, und ihren männlichen Dämonen dramatisches Leben einzuhauchen. Dass dabei unveröffentlichtes Material aus Musils Jahrhundertroman aufgegriffen wird (ja, der Mann ohne Eigenschaften hätte noch länger werden können!), verdanken wir ebenfalls Walter Fanta, der aus dem Nachlass Robert Musils schöpfen kann.
Die endgültige Textfassung von „Clarisse und ihre Dämonen“ stammt von Oliver Vollmann, mehr zur Genese findet sich im anschließenden Text des Autors und Schauspielers.


‚Clarisse und ihre Dämonen‘

Ein Selbst(reflexions)gespräch von Oliver Vollmann

Vor rund zwei Jahren trat Walter Fanta an Nadine Zeintl und mich mit der Idee heran, für uns beide eine Textfassung für die Bühne von ‚Clarisse und ihre Dämonen‘ aus Robert Musils Roman ‚Der Mann ohne Eigenschaften‘ zu verfassen und von uns beiden spielen zu lassen.
Wir sagten zu, obwohl ich den ‚Mann ohne Eigenschaften‘ in jungen Jahren (nach mehrmaligen Versuchen) nie geschafft hatte fertig zu lesen. Bis heute ist es mir nicht gelungen…
Walters Textfassung lag im Sommer 2018 vor.

Er gab uns von Anfang an freie Hand den Text zu bearbeiten und für die Bühne zu adaptieren.
Nach anfänglicher Verzweiflung ob der Komplexität der verschiedenen Themen im Stück, beschloss ich, Walters Textfassung so zu lesen, als hätte ich noch nie von Robert Musil und seinem Roman gehört.
Welches ‚Grundthema‘ würde sich herauskristallisieren? Und schwupp – da war es: Liebe und Wahnsinn, zeitlos.

Nun galt es, die Dialoge so zu bauen, dass sich ein nachvollziehbarer dramaturgischer Bogen ergäbe, ohne dass der Originaltext verändert wird. Nach unzähligen, unbefriedigenden Versuchen griff ich zu einem radikalen Mittel: ich entfernte die Zuordnung des Textes zu bestimmten Personen. Die gesprochenen Worte, Sätze schwirrten nun ‚frei im Raum‘, ohne an Clarisse oder einen ihrer ‚Dämonen‘ gebunden zu sein und genau daraus ergab sich tatsächlich die vorliegende, ’spielbare‘ Bühnenfassung.
Auch die anfängliche Schwierigkeit, dass zwar nur eine Clarisse, aber sechs Männer/Dämonen von uns beiden darzustellen seien war damit gelöst: die sechs Männer ließen sich plötzlich in einem zusammenfassen – ohne, dass auch nur ein Wort von Musil geändert werden musste.

Meine große Sorge, dass Walter über die Bearbeitung entsetzt sein könnte, war unbegründet: er war damit vollkommen einverstanden, mehr noch – er erzählte uns, das Musil selbst ähnlich gearbeitet habe, nämlich Sätze ohne Zuordnung aufzuschreiben, zu ’sammeln‘, um sie immer wieder anderen Personen in den Mund zu legen !
In weiterer Folge ergab sich nun auch das klare Bild, dass nicht nur Clarisse von den ‚Dämonen‘, sondern auch die Dämonen von Clarisse ‚besetzt‘ sind !
Aus der zeitlichen und räumlichen Vorgabe in Walters Text ergab sich sehr früh das Bühnenbild und die Musik. Es sei hier nicht zuviel verraten, nur soviel: Bis auf eine einzige Ausnahme gegen Ende des Stückes, werden wir live singen und Klavier spielen. Auch Richard Wagner wird ‚zitiert‘.

Jetzt, mitten im Arbeits- und Probenprozess, ist die Reise aufregend, spannend. Wo werden wir abzweigen, umkehren, länger bleiben ?
Bei der täglichen, intensiven Probenarbeit mit Nadine und unserer Regieassistentin Kerstin Haslauer ergeben sich regelmäßig neue Aspekte und Perspektiven. Wir improvisieren in die einzelnen Szenen hinein, schauen, was passiert – was ist ’stimmig‘, wo ‚hakt‘ es, wo führt uns der Moment hin? Manchmal ‚vergaloppieren‘ wir uns und landen in einer Sackgasse, manchmal tun sich neue Welten auf, manchmal verlässt uns der Mut, manchmal bekommen wir Flügel, manchmal sind wir am Verzweifeln, manchmal brechen wir vor Lachen nieder.
Dann diskutieren wir. Kerstin gibt uns wertvolle Tipps. Wir versuchen, uns auf eine bestimmte Richtung zu einigen. Sobald wir einer Meinung sind, schalten wir die Videokamera ein und analysieren danach die Aufzeichnung. Diese Arbeitsweise hat sich schon bei ‚winkler worst case‘ vor knapp vier Jahren bestens bewährt.
Dazwischen besprechen wir immer wieder mit Bernd Zadow, unserem Lichtzauberer und Konrad Überbacher, dem Tonkünstler, unsere Ideen – was ist machbar, was geht nicht? Licht und Ton werden ja genauso wichtig sein wie der Text und unser Spiel.
Es ist ein Vorwärtshanteln in kleinen Schritten.

Ich schreibe diese Zeilen knapp drei Wochen vor der Premiere und wir haben ein relativ klares Bild von dem was wir wollen.
Aber vielleicht machen wir schon morgen alles wieder ganz anders….


Es ist unheimlich, sich den Irren gleichzustellen, aber es ist die Entscheidung zum Genialen!

©Jagoutz/ke

Die Männer werden es wegen ihrer Feigheit nie zu etwas bringen!


Nadine ist Clarisse, Oliver ihr Dämon
von Walter Fanta
Nahegekommen sind wir uns im Herbst 2011 bei der legendären Georg-Trattnig-Revue im ke-theater »Wir sind da, um uns zu umarmen«, Nadine und Oliver (und ich). Seitdem liebe ich die beiden und ich verfolge sie, ihr Spiel, Olivers intellektuellen Zugang zum Theater, seinen siebten Sinn für Sprache, Literatur, Geschichte, Theater mit Wissen zu verbinden, und immer, wenn wir im Musil-Institut jemanden brauchen, der Musil für uns liest, denke ich an ihn. Nadine? Das war auf den ersten Blick: Sie ist die Clarisse, wie Musil sie erfunden hat. Mit Leib und Seele! »Du hast etwas Knabenhaftes« sagt Meister Meingast von ihr im Roman, und der Erzähler: »Dieser schmale, knabenhafte Körper fühlte viel schneller, was mit Walter vorging, als es der Verstand begriff, und verweigerte sich ihm.« Ich hatte diesen Blick auf Nadine schon, als sie noch andere Rollen spielte. Und ich wollte sie da heimlich schon für meine Clarisse.
Aus dem Satz im Roman über Clarisse und Walter leitet sich eine furchtbare – und fruchtbare Spannung für das Spiel von Nadine und Oliver ab. Es ist fast ein Zerreißen. Hoffentlich zerreißt es sie nicht…

Konzept Zeintl Vollmann Fanta
Musik Oliver Vollmann
Bühne Oliver Vollmann & Nadine Zeintl
Kostüme Kerstin Haslauer, Oliver Vollmann & Nadine Zeintl
Licht & Bühnenadaption Bernd Zadow
Ton Konrad Überbacher
Regieassistenz Kerstin Haslauer
Produktion David Guttner
Fotos Günter Jagoutz
Grafik Hans Gerhard Kalian
Video Karl Rittmann
Büro Franz Doliner

Eine Produktion des klagenfurter ensemble 2018.

klagenfurte ensemble clarisse kritik kleine zeitung petutschnig 07.12.2018

klagenfurter ensemble clarisse kritik kronenzeitung I. lino 11. 12. 2018