editta braun company: Close Up 2.0

22. März
20.00 Uhr

Konzertpianistin Cécile Thévenot interpretiert eigene Kompositionen und solche von Thierry Zaboitzeff unerhört eigenwillig auf dem Flügel. In die harmonisch perfekte Welt der Pianistin drängen sich fünf Tänzerinnen gleich lemurenhaften Wesen: verdreht, beschränkt, geschunden und verkrümmt. Sie scheinen den Klängen Körper zu verleihen und das Innere der Musikerin nach außen zu kehren… Spielt sich diese szenische Phantasie in Wahrheit im Kopf der Pianistin ab?

©Kirchner

Close Up 2.0 ist die Nahaufnahme des sich materialisierender Alptraums einer Pianistin, die sich den Zweifeln und Sorgen des Lebens in einer kriegstreiberischen Realität jenseits der künstlich abgeschotteten Hochkultur nicht länger entziehen kann.

Lemurenhafte Wesen, verdreht, beschränkt, geschunden und verkrümmt, drängen sich in die harmonisch perfekte Welt einer Konzertpianistin. Beklemmende Realitäten und Ängste, aber auch eine Ahnung von der Sehnsucht nach Bewegung in Freiheit, treten als Gestalt gewordene Gedanken und Gefühle auf den Plan. Die bewegten Körper der fünf Tänzerinnen bilden einzeln, paarweise oder als scheinbar unentwirrbares Agglomerat von Gliedmaßen befremdliche Kreaturen. Sind sie Alter Egos der Pianistin oder verdrängte Aspekte ihrer Seele? Während sie spielt, werden diese Wesen zu ihren Mit- und Gegenspielerinnen, lassen sich durchdringen von der dichten, mächtigen Live-Musik, werden getragen oder gequält, gehetzt oder befreit, leisten Widerstand – und wirken zurück. Denn ihr Erscheinen lässt die Musikerin nicht ungerührt…

Dabei bekommen Körper und Musik, visuelle und akustische Kunst sowohl je eigene als auch gemeinsame Momente auf der Bühne. „Orchestrierte“ Passagen wechseln mit „Soli“, in der Begegnung der beiden nonverbalen Künste werden Möglichkeiten einer gemeinsamen abstrakten „Sprache“ erkundet, welche der Subjektivität des Betrachters Raum gibt. Im Zusammenspiel und kontrastiven Wettstreit der (syn)ästhetischen Elemente besteht die besondere Herausforderung dieser Arbeit.

Vieldeutigkeit, Verunsicherung gewohnter Wahrnehmungsmuster, Anregung der Phantasie und stetige Überraschung sind Programm.

©Kirchner

Am Flügel, Arrangement, Komposition Cécile Thévenot

Komposition, musikalische Leitung Thierry Zaboitzeff

Tanz, Bewegungsrecherche Sandra Hofstötter, Anna Lis, Martyna Lorenc, Anna Maria Müller, Sonia Borkowicz

Dramaturgie Gerda Poschmann-Reichenau

Lichtdesign, technische Leitung Thomas Hinterberger

Photographie Bettina Frenzel

Idee, Choreographie, künstlerische Leitung, Ausstattung Editta Braun

Cécile Thévenot in „Close Up 2.0“ ©by editta braun company

Pressestimmen

Wie finden Tanz und Klavierkonzert zueinander? Eine Pianistin und eine Choreografin wagen den Versuch.(…) Surrealist Salvador Dalì hätte seine Freude daran. (…) Star des Abends ist die 27jährige Pianistin Aysedeniz Gökcin, die durch ihre eigenwilligen Interpretationen im Cross-Genre-Bereich internationale Anerkennung erntete. (…) eine in sich runde und technisch äußerst gelungene Performance. Einen essentiellen Beitrag leistet ein großartiges Lichtdesign von Thomas Hinterberger.“ (Verena Schweiger, Salzburger Nachrichten, 17.10.)

Eine launische Klavierspielerin, gesichtslose Schattenwesen und Töne, die diese zum Leben erwecken: Es ist die eindrucksvolle Interaktion zwischen Klang und Bewegung, die das Publikum ab dem ersten Tastenanschlag in ihren Bann ziehen. Ohne ein einziges Wort kommen die türkische Pianistin AyseDeniz und die Mitglieder der editta braun company bei ihrer surrealen Darbietung „Close up“ aus – und erzählen in Geste, Bewegung und Tanz eine fesselndere Geschichte, als es mit sprachlichen Mitteln möglich wäre. (…) Die Faszination des von Editta Braun choreografierten Stücks besteht unter anderem darin, Leerstellen zu erzeugen und Fragen aufzuwerfen, deren Beantwortung der Interpretation des Publikums überlassen bleibt. (…) Editta Brauns jüngste Inszenierung hinterlässt neben viel Raum für die Fantasie des Publikums auch bleibenden Eindruck.“  (Claudia Maria Kraml, DrehPunktKultur, 16.10.2015)

Die Körperformen, die 70 Minuten lang von diesen vier Tänzerinnen – gemeinsam mit dem Lichtdesigner Peter Thalhamer – erschaffen werden, sind außergewöhnlich; Thierry Zaboitzeffs Musik ist so aufregend wie Gokcims Performance. Und wie die besten Arbeiten beim Manipulate Festival, so stellt auch Close Up tief gehende Fragen über die vertrauten Formen, die uns umgeben, und darüber, wie leicht deren Wahrnehmung aufgebrochen werden kann …“ (The Scotsman, 06.02.2016)

Die Beschränkung der Bewegungen, damit Körperteile der Tänzerinnen verborgen bleiben, wirkt sichtlich sowohl fesselnd als auch verstörend. Der Bilderreichtum lässt an Hieronymus Boschs menschliche Körperteile denken, die abgewinkelt aus Eiern und anderen Wesen herausragen: Braun hat mit starker Intuition die deformierten und zerstückelten Reste einer Psyche zum Leben erweckt.

… Ein herrlich augenzwinkerndes (mit Pobacke auf der Tastatur!) Stück surrealer Tanzinvention. (TV Bomb 01.02.2016)

(…) Vier geschmeidige Gestalten – nackt bis auf einen winzigen Tanga und passende Wischmop-Perücken – springen und jagen umher, als liefe ihnen die Musik durch die Adern. Chopin, Rachmaninov und Motive aus Thierry Zaboitzeffs Musik kommen in AyseDeniz’ Partitur zusammen, während ihr eigenes Spiel und körperliches Einhämmern auf die Tastatur ein Stimmungsspektrum erschaffen, welches die hyperaktiven Kobolde noch näher an die Klangquelle lockt. Wer oder was sind sie? Ihre silbern lackierten Nägel passen zu denen an AyseDeniz’ Fingerspitzen, was suggeriert, dass sie zu ihrem Unterbewusstsein gehören – … unheimlich! … seltsam faszinierend …“.(Herald Scotland 02.02.2106)

 

©Bettina Frenzel

 

KünstlerInnenbiografien:

Cécile Thévenot

Geboren 1985 in Frankreich, Musikwissenschaft und Musik-Diplom in Dijon, Licence (Piano) in Turku (FN), 2015 Staatsdiplom als Pianistin. Hinwendung zu Neuer Musik, Improvisation und Experimentellem. Im Kollektiv GÈnÈrale d’ExpÈrimentation (Dijon) Zusammenarbeit u.a. mit Didier Ashour, LÍ Quanh Ninh, Sylvain Kassap und Didier Petit. Konzerte in Frankreich, Belgien, Finnland, Estland und Deutschland. Zunehmend performative Ausrichtung, Zusammenarbeit mit der Bildhauerin und Video-K¸nstlerin Lucile Hoffmann, der Marionettistin Perrine Ferrafiat und der Klangbildhauerin Stefania Becheanu.

Thierry Zaboitzeff – Komposition

Geboren 1953 in Nordfrankreich, Mitbegründer, Komponist und stilprägender Protagonist der Avantgarde-Rock-Formation ART ZOYD. Welttourneen. Gründet 1999 „Zaboitzeff & Crew“. Freischaffender Komponist und Musiker. Veröffentlichung von 28 Alben. www.zaboitzeff.org

Editta Braun – Künstlerische Leitung

Geboren 1958 im oberösterreichischen Salzkammergut, Mag. phil., Tanzausbildung in Paris, New York, gründet 1982 das Künstlerkollektiv Vorgänge, ‘89 ihre eigene Company, weltweites Touring, zuletzt verstärkt im Mittleren und Nahen Osten und im Baltikum. Schwerpunkte: frauenspezifische Themen, interkulturelle Kooperationen. Lehre: Universität Salzburg, Bruckneruni Linz. www.editta-braun.com