Die Macht der Gewohnheit

G.Jagoutz_MG_6252 kleinEine brillante Verbeugung vor dem Sinnlosen: Dem klagenfurter ensemble gelingt mit Thomas Bernhards existenzialistisch-absurdem Stück >Die Macht der Gewohnheit< ein prächtiger Wurf.

Manfred Posch

Kärntner Tageszeitung

 

 

Fulminanter Endspurt auf der >Ton.Hof.Spur<: Eine brillante Darstellerriege, angeführt von Peter Raab, erntete in der präzisen Inszenierung von Rüdiger Hentzschel verdienten Jubel.

Andrea Hein

Kronenzeitung

 

 

Regisseur Rüdiger Hentzschel spielt mit dem unterschwelligen Widerstand der >Instrumente< und steigert dadurch den absurden Charakter der Komödie.

Uschi Loigge

Kleine Zeitung

 

„Wir wollen das Leben nicht / aber es muß gelebt werden
Wir hassen das Forellenquintett / aber es muß gespielt werden“.

Macht der Gewohnheit
Komödie von Thomas Bernhard
Regie und Bühne: Rüdiger Hentzschel / Kostüme: Caroline / Licht: Gottfried Lehner / Ton: Christoph Bürger / Regieassistenz: Alina Zeichen / Dramaturgie: Maja Schlatte
Es spielen: Petra Staduan, Peter Raab, Kai Möller, Felix Strasser und Gerhard Lehner.
Eine Produktion des klagenfurter ensemble
Premiere am 20. November 2013 um 20 Uhr Theater Halle 11,
Karten: 0463/310300 oder theater@klagenfurterensemble.at
Weitere Spieltermine:
22., 23., 27., 28., 29., 30. November,
4., 5., 6., 7. Dezember, jeweils 20 Uhr
Aktuelle Fotos sind online (copyright: Günter Jagoutz)
Repro_Caroline
Forell-Piranhas, Collage, 2013, von Caroline
Die letzte Produktion im Schwerpunktjahr Ton.Hof.Spur widmet sich „naturgemäß“ Thomas Bernhard, der in den späten Fünfzigerjahren regelmäßiger Gast am Tonhof war und das Ehepaar Lampersberg im Roman „Holzfällen“ als die Ikonen einer mediokren, manierierten, sich selbst entfremdeten Künstlergesellschaft beschrieb.
Die Komödie „Die Macht der Gewohnheit“(1974 in Salzburg uraufgeführt) thematisiert das unausweichliche Scheitern des Künstlers in seinem
Bemühen, das perfekte Kunstwerk zu schaffen. Zirkusdirektor Caribaldis Versuche, mit seinen vier Mitspielern, dem Dompteur, dem Spaßmacher, dem Jongleur und seiner Enkelin, Schuberts Forellenquintett als „perfekte Musik“ aufzuführen, münden seit 22 Jahren regelmäßig in einer vollständigen Katastrophe.

Dass diese Proben regelmäßig mit einer vollständigen Katastrophe enden, macht den Text nicht nur zu einer bitteren Verhöhnung aller Vorstellungen von künstlerischer Perfektion, sondern es stellt von Neuem den parodistischen Bezug zu seinem Uraufführungsort her. Insgesamt ist Bernhards zweites Festspielstück eine besonders gelungene Variante eines seiner wichtigsten literarischen Themen: des Scheiterns des Künstlers, wenn er versucht, vollkommene Kunst zu schaffen. Es ist aber auch ein Stück über Herrschaft und Macht: Um sein künstlerisches Ziel womöglich doch zu erreichen, hat sich Caribaldi seine Mitspieler bedingungslos unterworfen: „Durch diese Tür / kommen Ihre Opfer herein“, sagt der Jongleur zu ihm. „Nicht Menschen / Instrumente“.

Außerdem formuliert Bernhard immer wieder zentrale Sätze seiner Existenzkonzeption: „Alles nur widerwärtig / alles was geschieht / geschieht widerwärtig / Das Leben die Existenz“, gesteht Caribaldi. „Wir wollen das Leben nicht / aber es muß gelebt werden / Wir hassen das Forellenquintett / aber es muß gespielt werden“.

(Text und Foto: Privatstiftung Thomas Bernhard)

Aufführungsrechte: Suhrkamp Verlag, Theater & Medien

Der Dichter der Weltkomödie

Von Hermann Beil

Thomas Bernhard definiert „das Österreichische“ als „Absurdität zur Potenz – es zieht uns an und stößt uns ab“. Und im Österreicher sieht er den „genialen Vormacher, den genialsten Theatermacher überhaupt“. Für ihn, den Autor von über zwanzig Theaterstücken, ist „Theater eine Absurdität, eine Jahrtausende alte Perversität, in die die Menschheit vernarrt ist und deshalb so tief vernarrt ist, weil sie in ihre eigene Verlogenheit so tief vernarrt ist und nirgendwo somit ist die Verlogenheit größer und faszinierender als auf dem Theater“. Die dramatischen Energien, die dem Rollen-Spielen innewohnen – Thomas Bernhard hat sie in seinen Stücken entfacht. Rigoros im Anspruch und konsequent gegen das Gefälligkeitstheater gerichtet. Auch deswegen wurde ihm zeit seines Lebens von seinen Kritikern maßlose Übertreibung vorgeworfen. Man wollte nicht erkennen, dass er ein phantastischer Realist war, seine vermeintlich grotesken Übertreibungen – sie haben sich schmerzlich bewahrheitet. Seine Leser und Zuschauer hingegen hatten dafür immer ein feines Gespür. So vermochten die gebetsmühlenartigen Verrisse seiner Theaterstücke und Romane, die ganze Bibliotheken füllen, der großen, nachhaltigen Wirkung hingegen nichts anzuhaben. Bernhard hat sich selbst ohne Illusion gesehen: „Welchen Blick ich auf mich habe? Da kann ich nur sagen: auf den Narren. Ich bin, das weiß ich, aus keinem Märchen hervorgegangen und ich werde in kein Märchen hineingehen.“ Zwanzig Jahre nach seinem Tod vermag er immer noch zu polarisieren. Während österreichische und deutsche Autoren glauben, den Menschen Bernhard entlarven zu müssen, ist sein Werk für französische oder amerikanische Autoren Herausforderung und Inspiration. Was seine Kritiker oft übersehen: Bernhard nimmt sich von seinen Beschimpfungen und Verwünschungen nicht aus. Welcher Schriftsteller wütet schon gegen sich selbst mit der unerbittlichen Feststellung: “Ich bin ganz einfach kein guter Mensch.“ Diese leidenschaftlichen Selbstbezichtigungen entspringen der Einsicht: “…aber es ist vieles lächerlich, wenn man an den Tod denkt.“ Ein Mensch, der seinen Tod Jahrzehnte ganz hart und nicht als abstraktes Gedankenspiel vor Augen hatte, geht ebenso hart mit sich ins Gericht wie mit seinen Figuren. Das verleiht seinen Texten eine suggestive Ambivalenz. Die Energie, mit der Bernhard seine Gedanken-Gänge buchstäblich als eine unablässig vibrierende Bewegung vorwärtstreibt, speist sich aus dieser Ambivalenz.

Mag sein, dass die Person Bernhards irritierend faszinierend parallel zu seinem Werk immer wieder in Erscheinung tritt, allein so, wie er ein Individualist im wahrsten Sinne des Wortes gewesen ist und sich durch nichts und niemand vereinnahmen ließ, so ist auch heute sein Werk weder zu vereinnahmen, noch mit einem simplen Begriff auf einen gängigen Nenner zu bringen. Das „System Bernhard“ (ein Begriff von Heiner Müller) ist nicht kompatibel. Alles an diesem „System“ sperrt sich. Im Abstand leuchtet es. Und wenn wir es mit Abstand aufmerksam befragen, antwortet es auf neue Weise, weil es die Wirklichkeit immer wieder neu in sich aufnimmt, so paradox dies klingen mag. Wir hören eine Symphonie Mozarts, die wir durch und durch zu kennen glauben – und wir hören sie dennoch neu. Ähnlich ist es mit Bernhards Romanen und Theaterstücken. Die absolut musikalische Struktur gibt den Texten Konsistenz und hält sie andererseits offen für die Phantasie der Leser und Zuschauer. Für mich persönlich hat sich durch viele Lesungen aus Wittgensteins Neffe, Der Stimmenimitator, Ein Kind oder den Peymann-Dramoletten gezeigt, welch phantastische Wortpartituren Bernhard erfunden hat. Und wie erst der öffentliche Vortrag die Geheimnisse seiner Texte offenbart. Anders gesagt: Seine Werke suchen und erhalten neue Bedeutungen, weil wir sie miterfinden. Und die Schauspieler auf der Bühne und die Leser und Zuschauer mit ihrem Blick. Thomas Bernhard hat auf wunderbare Weise für Schauspieler geschrieben, und die Schauspieler haben seine Stücke immer als Geschenk empfunden, als eine Inspiration, die weiterwirkt. Die Werke finden diese neue Wirkung, weil die Realität mitspielt, wie immer bei Bernhard. Die Resonanz ist überraschend in der enthusiastischen Bestätigung wie auch in der subtilen Erkundung. An vielen Bühnen gibt es Aufführungen (tatsächlich Neuinszenierungen auf allen fünf Kontinenten), auch von Stücken, die bei ihrer Uraufführung von der Theaterkritik für tot erklärt worden sind. (Motto: Minetti rettet das Stück, aber im Grunde kann auch er es nicht retten!) Thomas Bernhard hat also einen immer wieder verblüffenden Erfolg, der sich in Berlin, Peking oder Montevideo bestätigt. Auch ein angeblich nur in Wien verständliches Stück wie Heldenplatz ist bereits zweimal in Paris inszeniert worden. Die conditio humana ist eben nicht nur lokal. Zur Erkundung seines Werkes gehört, zwar nicht so spektakulär, doch ebenso von Faszination zeugend, die geradezu mäanderhaft sich verbreitende intensive wissenschaftliche Befragung, die sich wie selbstverständlich in der ganzen Welt abspielt, bis hin in den Fernen Osten und nach Übersee. Bernhard hätte solche Wissenschaft wohl kaum interessiert, eher amüsiert, mich aber bestärkt das insistierende Interesse an Thomas Bernhard gerade in fernen Ländern in meiner insgeheimen Vermutung, dass ein österreichischer „Heimatdichter“ auch eine universelle Bedeutung haben kann, dass seine Weltkomödien, die zugleich Tragödien sind, noch lange aufgeführt werden, also sein „philosophisches Lachprogramm“, so er selber, weiterhin auf dem Spielplan der Welt stehen wird. Als eine Wortsymphonie, die nicht verklingt. Als ein Gelächter, das nicht verstummt. Als ein Theater, auf dem wir den Ignoranten und Wahnsinnigen, den Caribaldis und Bruscons, den Geschwisterpaaren und Weltverbesserern, den Dichtern und Dorfwirten, den Nazis und Anarchisten, den Großbürgern und Hausangestellten, den Redekünstlern und Schweigekünstlern süchtig zusehen, weil es Fabelwesen sind, erfunden von Thomas Bernhard, aber erfunden aus der Wirklichkeit.